|
Rede von Professor Alexander Fried am 10. Nov. 2010 zur Einweihung des Gedenksteins an die Synagoge von Marienbad
In dieser vergangenen Zeit, als der Mensch dem Menschen noch nahe war, als Freigebigkeit eine Selbstverständlichkeit war, als die Geschäfte blühten und als kluge Greise am Schabat den Kindern von unserer Jahrtausendealten Weisheit sprachen. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich unter den Marienbader Frauen auch meine Mutter, wie sie, ihr Gesicht beleuchtet von den Kerzen, mit geschlossenen Augen das Tuch über dem Kopf mit leisen Worten den Schabatsegen spricht.
Am 9. November 1938 war diese Welt mit einem Schlag zu Ende. Mit dem Fanal der Progromnacht, der auch diese Synagoge zum Opfer fiel, begann die systematische Vernichtung der europäischen Juden. Auch meine Mutter entging dem gewaltsamen Tod in Auschwitz nicht. Ich habe die Schrecken von Lager und Todesmarsch überlebt. Dennoch bin ich überzeugt, dass Liebe über Hass dominieren sollte. Hass vernichtet. Hier in Marienbad, berühmt durch seine heilsamen Quellen, gebe ich die Botschaft von Liebe und Versöhnung weiter, die mir meine Mutter vermittelte. Möge also dieser Gedenkstein zum Meilenstein auf dem Wege zu einer besseren Zukunft werden.
Ich bin nicht gestorben, sondern ich lebe, um zu verkünden G`ttes Werke, so wie es in Psalm 118 Vers 17 und auf diesem Stein geschrieben steht. Das Leben allein ist ein Wunder und es ist wichtig, sich dieses Wunders bewusst zu werden. Das ist eigentlich der Sinn der uralten Rituale, die an dieser heiligen Stelle verrichtet wurden, am Freitag, wenn die Sonne unterging und der Schabat mit Freude und Demut begrüßt wurde.
Und deswegen sollten wir alle, die sich heute hier versammelt haben, an dem Ort, an welchem noch immer die Worte und Lobeslieder in der einst wunderschönen Synagoge vibrieren, in Ehren gedenken im Sinne einer globalen Versöhnung.
|