Überspringen zu Hauptinhalt
Zeitzeugengespräch Der 2. Generation

Zeitzeugengespräch der 2. Generation

Ernst Reiter – Häftling Nr. 1935: “Ich lebe noch”

Am 17. 2. 2017 besuchten Ingrid Portenschlager und Ernestine Dohr-Reiter gemeinsam mit der Referentin und Zeitzeugenbegleiterin des Vereins Lila Winkel, Esther Dürnberger, die Gustav-von- Schlör-Schule in Weiden, um vor den Klassen F13G und F13Sb als Zeitzeuginnen der zweiten Generation über das Leben ihres Vaters Ernst Reiter, der ab 1940 im Konzentrationslager Flossenbürg inhaftiert war, zu sprechen.

Frau Dill bei der Begrüßung der Gäste

Nach einer Begrüßung der Gäste durch die Schulleiterin Frau Dill informierte Frau Dürnberger zunächst über den Verein  Lila Winkel, der sich mit  der Dokumentation  und  Aufarbeitung  des  Schicksals  unschuldiger  Opfer  des Dritten Reiches befasst. Nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick auf die NS-Diktatur und vor allem auf die damalige Manipulation des Gewissens sowie die verschiedenen verfolgten Gruppen dieser Zeit wurde speziell die Rolle der Zeugen Jehovas eingegangen. Diese auch „Bibelforscher“ genannte Opfergruppe geriet aufgrund der Ablehnung des Hitlergrußes,    der Verweigerung des Wehrdienstes sowie der Mitarbeit in der Rüstungsindustrie schnell in den Fokus der Verfolgung. Ab 1937 wurden die Zeugen Jehovas bei der Inhaftierung durch ein lila Dreieck, den lila Winkel, gekennzeichnet. Oftmals wurden sie  gezielt in Strafkompanien verlegt und erfuhren eine besonders harte Behandlung.

Frau Dürnberger und Frau Portenschlager beim Vortrag

Ingrid Portenschlager, die Tochter von Ernst Reiter (1915 – 2006), der nach einer schweren Kindheit als junger Mann in Kontakt mit den Zeugen  Jehovas  kam,  berichtete  im  Anschluss  über  das  Leben  mit ihrem Vater, das alles andere als einfach war. Seine traumatischen Erfahrungen während des Dritten Reiches prägten Reiter zeitlebens. Da er sich den Grundsätzen seines Glaubens folgend als junger Mann weigerte, den Wehrdienst zu leisten, wurde er 1938 verhaftet und in verschiedenen Lagern, teils in Einzel- und Dunkelhaft, interniert. 1940 wurde er schließlich unter der Häftlingsnummer 1935 ins KZ Flossenbürg    verlegt.   Dort    gelang    es    ihm,    sowohl    die    harte Sträflingsarbeit im Steinbruch als auch Krankheiten, Gräuel und Foltermethoden bis zu seiner Befreiung auf dem Todesmarsch zu überleben. Diese Erlebnisse ließen ihn jedoch sein Leben lang nicht los.

Nach seiner Rückkehr nach Graz wurde er teilweise auch weiterhin als „Vaterlandsverräter“ oder „Feigling“  verunglimpft,  Ingrid  Portenschlager berichtete  in  diesem  Zusammenhang  davon,  dass selbst  sie  und  ihre  Schwestern  in  der  Schule  noch  als  „Kinder  eines  KZ-Häftlings“  diskriminiert wurden. Sie vermittelte die enorme Bedeutung, die das Sprechen des Vaters über seine eigenen Erfahrungen beispielsweise mit interessierten Studenten und vor allem auch die Tatsache, dass ihm Menschen glaubten, was ihm widerfahren war, für Ernst Reiter hatten.

Auch für Ingrid Portenschlager selbst ist das Sprechen über ihre Erlebnisse mit ihrem Vater von enormer Bedeutung und sie zeigte sich sehr berührt von den Nachfragen und Kommentaren der Schülerinnen und Schüler der anwesenden Klassen. Sie sieht ihren Vater als großes Vorbild an und hofft, zusammen mit dem Verein Lila Winkel gegen das Vergessen, aber auch gegen Ausgrenzung, Mobbing und die Missachtung des Gewissens wirken zu können. Die langen und durchaus emotionalen Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern, die sich an den Vortrag anschlossen, legen nahe, dass dies heute gelungen ist.

 

Text und Fotos: Julia Hildebrandt und Andreas Kostial

An den Anfang scrollen