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Wenn Geschichte spürbar wird

FOSBOS-ler  von der Performance von Opus 45 und Rezitator Roman Knižka tief bewegt.

Es gibt Momente, in denen die Mauern einer Kirche nicht nur Raum für Gebete, sondern für die nackte, ungeschönte Wahrheit der Geschichte bieten. Willkommen geheißen von Stefanie Endruweit von der evangelischen Kirche und begrüßt von Schulleiterin Gabriele Dill verwandelte Rezitator Roman Knižka die St. Michaels Kirche zusammen mit einem glänzenden Instrumentalensemble einen halben Vormittag für Schülerinnen und Schüler der Vorklassen und 11. Klassen der FOS unter dem Titel „Deutschland, siehst du das nicht…?“ in ein beklemmendes Panorama der Jahre 1929 bis 1933. Es war kein klassischer Liedervortrag, sondern eine Mahnung, die unter die Haut ging: Demokratie braucht Demokraten.

Roman Knižka agierte nicht nur als Vorleser – er war der Chronist des Untergangs. Mit fesselnder stimmlicher Präsenz und der Fähigkeit, mit kleinsten Gesten die Zeitzeugen lebendig werden zu lassen, machte er die Zerrissenheit einer Epoche greifbar. Die Dramaturgie von Kathrin Liebhäuser schaffte dabei ein Bild der Zeit, das alle Extreme ausleuchtete: Auf der einen Seite die ungeheure Lebenslust, die damals das Land durchzog und hörbar wurde, in der Tanzmusik, aber auch in den pathetischen Reden der Zeit, die um ihre Zukunft rang. In Berlin hatten sich z.B. auch Minderheiten in Clubs für Homosexuelle und Lesben Freiräume erkämpft, die heute wieder hochaktuell wirken – Symbole einer Freiheit, die bereits am Abgrund tanzte. Dem gegenüber standen die fundamentalen Alltagssorgen: Wirtschaftskrise, grassierende Armut, Krankheit und das Elend der Straßenkämpfe, die das Ende der Weimarer Republik einläuteten. Deutlich wurde aber auch, dass es nicht die Krisen selbst waren, die die Demokratie ins Rutschen brachten, sondern die politischen Entscheidungen, die den Nöten der Menschen nicht entsprachen.

Besonders eindringlich beleuchtete das Programm, das Stefanie Endruweit und Stefan Hanf für die Fachschaften Geschichte und Religion / Ethik an die Gustav-von-Schlör-Schule brachten, die politischen Winkelzüge in den Berliner Machtzentren. Knižka rezitierte Texte, die die eiskalten Berechnungen der Faschisten, aber auch die Arroganz und die Fehlkalkulationen derer offenlegten, die eigentlich keine Nationalsozialisten waren, dem Grauen aber den Weg ebneten. Die NSDAP konnte so ohne eine absolute Mehrheit bei freien Wahlen an die Macht kommen. Der Weg in den Totalitarismus gelang durch das Versagen der Institutionen und die Lethargie einer Gesellschaft, die ihre demokratischen Errungenschaften nicht verteidigen wollte oder angesichts der drängenden Probleme nicht konnte.

Auch der lokale Bezug blitzte auf: Die Erinnerung daran, wie man hier in Weiden Adolf Hitler, der den Wahlkampf der NSdAP mit einer Rede im Ortsteil Hammerweg unterstützte, als bloßes „Großmaul“ abtat – eine fatale Unterschätzung.

Die Musik lieferte dazu den emotionalen Soundtrack. Wenn Klänge von Cole Porter oder den Comedian Harmonists auf die Kompositionen von Hanns Eisler, Jean Françaix oder Paul Juon treffen, entsteht eine Mischung, die fesselt. Der schnelle Wechsel zwischen Musik und Texten – oder auch Voiceovers – vermittelten den Eindruck einer äußerst facettenreichen Zeit, getrieben, außer Atem – und etliche Bezüge zu 2026 drängten sich auf.

Nach etwa 90 Minuten blieb ein Publikum aus über 200 Schülerinnen und Schülern zurück, das danach noch das Gespräch mit den Künstlerinnen und Künstlern suchte. Knižka und dem Ensemble gelang das Kunststück, die historische Komplexität alles andere als staubig zu vermitteln. Das ist Geschichte, die packt und wachrüttelt: Der Appell blieb im Kirchenschiff hängen: Die Freiheit, die wir heute genießen, ist kein Naturgesetz. Sie ist so fragil wie die Harmonien eines Kurt Weill in einer stürmischen Nacht.

Text: Stefan Hanf und Fotos: Claudia Köppl mit ihren Gestalterinnenklassen

 

 

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